Fast scheint es, als hätte der Buddha von uns Besitz ergriffen. Steinerne Köpfe und Statuen zieren als Lifestyle-Accessoires Wohnzimmer, Dielen und Gärten, nicht um den Betrachter zu belehren oder gar zu erleuchten, sondern um als dekoratives Kunstwerk das Auge zu erfreuen. Unabhängig davon hat in den letzten Jahrzehnten der religiöse und philosophische Einfluss des Buddhismus auf unsere Denkweise an Bedeutung zugenommen. Die  Deutsche Buddhistische Union mit Sitz in München schätzt die Zahl der aktiven Anhänger auf  rund 250.000, Tendenz steigend. Was erklärt das große Interesse? Antwort auf diese Frage sollte eine von Elke Staubach, Vorsitzende der Kreis-Frauen Union, organisierte Führung im Linden-Museum geben. 

Ursula Hüge, die den 24 Teilnehmerinnen und einem Teilnehmer einen Einblick in den Religionsstifter und seine Lehren gab, wies auf den Unterschied zwischen Christentum und der fernöstlichen Religion hin: „Im  Buddhismus gibt es keinen allmächtigen Gott, dem sich der Mensch unterwerfen  und dem er durch Gehorsam dienen muss“.  Der Buddhismus beruft sich auch nicht auf eine Offenbarung  wie das Christentum. Die fernöstliche Lehre basiert vielmehr auf persönlicher Erfahrung und Selbsterkenntnis. In einer schonungslosen Innenschau, im „erkenne dich selbst“, können eigene Denkmuster erkannt, analysiert durchbrochen werden. Dieser Zugang ermöglicht, sich weiter zu entwickeln. „Das umzusetzen, ist eine große Herausforderung für jeden Einzelnen“, gibt Hüge zu bedenken.

Ermutigung in Richtung Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung, meist als neuer individueller Lebensweg oder Lebenshilfe gepriesen, wird seit geraumer Zeit in zahlreichen Ratgebern und Seminaren angeboten. Was aber heute vielfach als neue Erfahrung gepriesen wird, hatte schon Buddha gelehrt, bevor das Christentum Fuß fassen konnte.  

Nach heutigem Wissensstand wurde Siddhartha Gautama, der sich später Buddha (der „Erwachte“ oder der „Erleuchtete“) nannte, 563 v. Chr. im nordindischen Lumbini geboren. Er verstarb im Alter von 80 Jahren .Anfangs wurden seine Lehren von seinen Jüngern mündlich weitergegeben. Erst zwei bis drei Jahrhunderte nach seinem Tod wurden sie aufgezeichnet.  

Der Überlieferung nach soll Siddhartha Gautama Sohn einer regierenden Familie im heutigen indisch-nepalesischen Grenzgebiet gewesen sein. Sein Vater sah in ihm den idealen Nachfolger. Um zu verhindern, dass er sich von dem vorgezeichneten Weg abwendet, durfte er nur selten den herrschaftlichen Palast verlassen.

Eines Tages sah sich der Sohn mit der Realität des Lebens und dem Leiden der Menschheit konfrontiert und erkannte eine Sinnlosigkeit in seinem bisherigen Dasein. Die Legende berichtet von Begegnungen mit einem Greis, einem Fieberkranken und einem verwesenden Toten, woraufhin Siddhartha Gautama beschloss, nach einem Weg aus dem allgemeinen Leid zu suchen. Mit 29 Jahren verließ er auf der Suche nach Erlösung seine Familie. Sechs Jahre lang wanderte er im Tal des Ganges, traf berühmte religiöse Lehrer und unterwarf sich strengen asketischen Übungen. Das brachte ihn seinem Ziel nicht näher. Deshalb suchte er einen eigenen Weg und übte sich vor allem in der Meditation.

Mit 35 Jahren erreichte er das vollkommene Erwachen an einem Flussufer unter einer Pappelfeige, die heute  als Bodhi-Baum, als „Baum der Weisheit“, verehrt wird. Nach diesem Erlebnis hielt Buddha vor seinen früheren Gefährten seine erste Rede, mit der er das "Rad der Lehre“ zum ersten Mal anstieß. Von da an lehrte und sprach er 45 Jahre lang vor Männern und Frauen aller Volksschichten, vor Königen und Bauern, Brahmanen und Ausgestoßenen, Geldverleihern und Bettlern, Heiligen und Räubern. In den folgenden Jahrhunderten verbreitete sich Buddhas Lehre  in Süd- und Ostasien.  Heute bekennen sich weltweit rund 500 Millionen Menschen zum Buddhismus mit seinen sehr unterschiedlichen Ausprägungen.

 Noch sind die deutschen Anhänger eine Randerscheinung. Doch der Zuwachs ist ungebrochen. Während in den christlichen Kirchen die meisten Gläubigen durch Abwesenheit glänzen, suchen vor allem junge aufgeschlossene Erwachsene anderweitig nach spiritueller Orientierung. In ihren Augen ist der Buddhismus friedfertig und undogmatisch. Eine der bekanntesten Symbolfiguren der Friedfertigkeit und gleichzeitig ein unermüdlicher Mahner und Prediger im Namen Buddhas ist der seit 1959 im Exil lebendende 14. Dalai Lama.   

 

Obwohl der Buddhismus zu den vier Weltreligionen zählt, betrachten ihn viele Europäer und Nordamerikaner eher als eine Art von Philosophie oder Weltanschauung. Sie sind beeindruckt von der Toleranz  und sehen in den Lehren Buddhas eine Alternative zu den oft strengen und dogmatischen Lehren des Christentums. Der Buddhismus verweist auf Eigenständigkeit und Selbsterkenntnis eines jeden Einzelnen. Selbstverantwortung gilt als höchstes Gut  Der Mensch ist also keiner höheren Macht unterworfen, welcher er durch Gehorsam dienen muss.   Viele Individuen nennen das als wesentlichen Grund für die Hinwendung zur viertgrößten Religion.

Text: Anita Högner  / Foto: Elke Staubach