Vorösterliches Frühstück  bei der Kreis-Frauen Union – dahinter steht ein klares Konzept. Die Treffs sollen den Kontakt zu den einzelnen Mitgliedern stärken und Genüssliches mit Wissenswertem verbinden. Diesmal folgten über 30 Damen und Herren, darunter der Kreisvorsitzende Wolfgang Heubach mit seiner Frau, der von Jutta Schießler organisierten Einladung ins Landhaus „Feckl“ in Ehningen. Die Erste Vorsitzende des Ehninger CDU- Gemeindeverbands konnte als Referenten Rudolf Widmann gewinnen. Sein Thema: „Vom Bauerndorf zum Industriestandort, Ehningen im Wandel der Zeiten“.

Der detailreiche Diavortrag schloss gar manche Wissenslücke. Denn die knapp 8.000 Einwohner zählende Gemeinde ist trotz guter Verkehrsanbindung und mit eigenem Autobahnanschluss an die A 81 außerhalb des Landkreises Böblingen wenig bekannt. Das  Städtle kann zwar keinen international renommierten VIP der Geschichte vorweisen, aber mit einem Erfinder punkten, der unseren Alltag erleichterte. Friedrich Kammerer, 1796 in Ehningen geboren, hatte 1832 das Phosphorreibe-Streichholz, Vorläufer unseres heutigen Streichholzes, erfunden.

Widmann, Gründungsmitglied des 1985 aus der Taufe gehobenen Heimatgeschichtsvereins und seit 2003 dessen Vorsitzender, vermittelte anhand von Aufnahmen ein eindrucksvolles Bild von der Entwicklung Ehningens. Fotos, vor rund hundert Jahren aufgenommen, zeigen einen in sich geschlossen Ortskern, in dem die Fachwerkhäuser dicht gedrängt zusammenstehen, als suchten sie gegenseitig Halt. Jeder Hausbesitzer baute nach eigenem Gusto sein Anwesen um oder an, dabei jeden kleinsten Winkel nutzend. Was dabei herauskam, war ein Sammelsurium vertrackter und verwinkelter Gebäudeteile. Widmann sprach hintersinnig von den „Vereinigten Hüttenwerken“.


Nichts demonstriert den Wandel von einem  kleinteiligen bäuerlichen Makrokosmos zu einer den lokalen Rahmen sprengenden Welt mehr als  das am Ortsrand erstellte neue Verwaltungsgebäude der IBM-Deutschland.  Das breit dahin gelagerte Bauwerk des global agierenden Unternehmens, bis auf den letzten Winkel durchdacht, führt aus der räumlichen Enge des Ortes heraus und spiegelt  zugleich die Veränderungen in der Arbeitswelt wider.

Für die außerhalb Ehningens wohnenden FU-Frauen glich der Vortrag einer Lehrstunde.  Den wenigsten war bekannt, dass es in dem Gäu-Städtchen eine Senf-, Essig- und Sauerkonservenfabrik  gibt, die sich selbstbewusst  unter dem Markenzeichen „Schwabenstolz“ präsentiert. Wer von den „Auswärtigen“ hätte gewusst,  dass im ehemaligen „Gasthof Adler“ der württembergische König speiste? Wer hätte auf Anhieb sagen können, dass es sich bei den „Hakengehöften“ um bäuerliche Anwesen handelt, bei denen Wohnhaus, Stall und Scheue hakenförmig (U-förmig) angelegt sind? Das 1844 eingeweihte Rathaus, das heute als epochemachendes Gebäude gilt, löste  in der Mitte des 19. Jahrhunderts harsche Kritik aus. Auch damals schon wurde von den Bewohnern nicht alles sang- und klanglos geschluckt.

Für die Ehninger Frauen war der Vortrag ein Ausflug in die Vergangenheit, der verschüttete Kindheitserinnerungen zum Leben erweckte. Einer Anwesenden fiel spontan ein, dass es beim Bäcker Böhringer die besten Brezeln gab. Eine andere fiel im gleichen Atemzug Rudolf Böhmler ein. Der Inhaber eines Gemischtwarenladens war stolzer Besitzer einer Rechenmaschine, die er immer wieder skeptisch beäugte. Weshalb er jedesmal nachrechnete, ob das von dem neuen Gerät ausgespuckte Ergebnis auch wirklich stimmte. Und was sagt das Bild mit dem Geräteschuppen aus? Es wurde gerätselt, gedeutet und interpretiert. Die richtige Antwort kam auf Umwegen. An der Ecke Garten- und Schlossstraße befand sich ein Dreschplatz mit einem luftigen Unterschlupf für die Dreschmaschine. Auch das führte der Diavortrag anschaulich vor Augen: Verheerende Unwetter gab es schon zu Zeiten, als der Klimawandel noch kein Thema war. Ein Schwarz-Weiß-Foto hält die Folgen des Hochwassers vom 5. Juli 1953 fest. Die anrollenden Wassermassen drückten die Schlossmauer ein und überschwemmten Straßen - „und das mitten in der Heuernte“. Notgedrungen wurde das nasse Stroh auf den Straßen zum Trocknen ausgelegt.

In den letzten Jahrzehnten bekam Ehningen Zug um Zug ein neues Antlitz. Enge und winkelige Straßen wurden begradigt. Alte Bausubstanz fiel Neubauten zum Opfer oder wurde zeitgemäßen Bedürfnissen angepasst. Auch der Marktplatz bekam ein neues Gesicht. Doch so ganz haben die Ehninger nicht mit ihrer Vergangenheit gebrochen. Die Grund- und Hauptschule trägt den Namen des Streichholzerfinders, eine Ausstellung im Rathaus – eine Dauerleihgabe der Zündholzfabrik aus dem sächsischen Riesa – gibt Einblick in Leben und Wirken des Tüftlers. Ein anderer „berühmter" Sohn Ehningens, ein fleißiger  und verlässlicher Küfer, der wegen einer Krankheit als „Entenbrüter“ den Spott seiner Zeitgenossen erdulden musste, wurde 1991 – rund ein  Jahrhundert nach seinem Tod – auf dem Marktplatz mit einer Bronzeplastik gewürdigt. 

 

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Fotos: Gerti Mayer-Vorfelder