Besuch bei Kreishandwerkerschaft BB

„Das Handwerk hat ein Imageproblem“, zeigte sich der Kreishandwerksmeister Wolfgang Gastel über die Zukunft seines Berufsstands besorgt. Aus aktuellem Anlass trafen sich am Montag, den 5. Mai 2014, der oberste Vertreter der Handwerker im Kreis Böblingen, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Thomas Wagner und die CDU-Landtagsabgeordnete Sabine Kurtz zu einem Gedankenaustausch in Böblingen. Anlass waren die Befürchtungen des Handwerks, dass die EU-Kommission im Rahmen der Überprüfung der reglementierten Berufe die Meisterprüfung im Handwerk in Frage stellen könnte. Die Diskussion trifft einen empfindlichen Punkt in der deutschen Handwerkerschaft.


Bereits 2004 wurden mit der Novellierung der Handwerksordnung 53 Handwerke für zulassungsfrei erklärt. Damit sollten Anreize für Neugründungen von Handwerksbetrieben geschaffen werden. Gastel sagte dazu: „Zwar ist die Zahl an Betrieben gestiegen, die Mitarbeiter- und Auszubildendenzahl hingegen gesunken.“

Auch leide oftmals die Qualität, wenn die Betriebe nicht von Meistern geführt würden. „Der Meisterbrief ist ein international anerkannter Qualitätsstandard im Handwerk und sollte nicht als Hürde, sondern als Ausbildung verstanden werden.“ Diesen abzuschaffen würde zudem einen Angriff auf das hervorragende duale Ausbildungssystem in Deutschland darstellen. Viele der neu gegründeten Betriebe würde nicht mehr ausbilden und blieben oft ein „Ein-Mann-Betrieb“. Die Ausbildungszahlen im Handwerk sinken folglich seit Jahren und die Betriebe beklagen einen akuten Fachkräftemangel. „Uns fehlen vor allem Fachkräfte, die Betriebe übernehmen wollen“, merkt Wagner an.
Die Handwerker waren sich mit der Landtagsabgeordneten einig, dass die grün-rote Landesregierung mit ihrer Politik die Zukunft des Handwerks gefährdet. Im Zuge der geplanten Einsparungen im Bildungsbereich möchte Grün-Rot so genannte Kleinklassen in Berufsschulen zusammenlegen oder schließen. „Dies würde potenzielle Auszubildende, insbesondere aus dem ländlichen Raum, abschrecken und die Nachwuchsprobleme des Handwerks weiter verschärfen“, fürchtet die Abgeordnete aus Leonberg. Die Schließung der Kleinklassen führt zu einer Zentralisierung der beruflichen Ausbildung. Bereits heute müssen junge Auszubildende große Wege vom Heimatort zur Berufsschule in Kauf nehmen oder vor Ort sich eine kostenintensive Übernachtungsmöglichkeit suchen. „Dies ist den Auszubildenden nicht zumutbar. Außerdem braucht das Handwerk wohnort- und betriebsnahe Berufsschulklassen“, kritisiert Kurtz das grün-rote Vorhaben.
Wirtschaftlich gesehen sind die Handwerker jedoch zufrieden mit dem ersten Quartal im Jahr 2014. „Wir haben zurzeit eine gute Auftragslage“, freuten sich die beiden Handwerker. Umso verwunderlicher sei es, dass sich so wenige junge Menschen für einen Handwerkberuf entscheiden.
Laut der jährlichen Ausbildungsstatistik des Baden-Württembergischen Handwerkstages (BWHT) beschäftigten Ende 2013 ca. 133.000 Betriebe rund 750.000 Mitarbeiter im Handwerk in Baden-Württemberg. Die Zahl der Auszubildenden lag bei rund 50.000 Personen. Darunter sind zunehmend Abiturienten zu finden.